Kranich
Graf Anton Günther liebte die Pferde und war in Deutschland bekannt als der „Stallmeister des Heiligen Römischen Reiches“. Von allen Pferden aber liebte er seinen Apfelschimmel Kranich am meisten. Er hatte einen neun Ellen (ca. 4,50 Meter) langen Schweif und die Mähne war sieben Ellen (ca. 3,50 Meter) lang. Dieses Pferd hatte der Graf nicht auf einem seiner Güter großgezogen, sondern auf eine sonderbare Weise geschenkt bekommen.
Bildnachweis: Stadtmuseum Oldenburg/Andrey Gradetchliev
Auf einer seiner vielen Reisen und Friedensbemühungen zwischen dem deutschen Kaiser und dem dänischen König während des Dreißigjährigen Krieges hatte er in einem kleinen Dorf in Schleswig-Holstein eine Übernachtungsmöglichkeit gesucht. Aber in dem einzigen Wirtshaus war jedes Bett belegt. Der Wirt sagte ihm, dass es in der Nähe ein halb verfallenes Schloss mit einem gut erhaltenen Zimmer gäbe, aber dort würde es spuken.
„Wollt Ihr es trotzdem wagen? Dann habt Ihr wenigstens ein Dach über dem Kopf.“
„Es wird meinen Kopf wohl nicht kosten“, meinte der Graf. „Ich will es wagen.“
Also zog er mit seinem Diener ins Schloss. Dort machte der Diener Feuer im Kamin an und bereitete das Abendbrot vor. Als sie danach beide am Tisch saßen und eine Flasche Wein tranken, klopfte es plötzlich an die Tür.
„Herein, der einen Kopf hat“, rief Anton Günther, so, wie er es immer machte. Da öffnete sich die Tür. Eine Gestalt stürmte wild in den Raum, geradewegs auf den Grafen zu. Anton Günther zögerte nicht lange, zückte seinen Degen und schlug auf die Gestalt ein, die sich mit lautem Schmerzensschrei wieder zurückzog. Der Graf verfolgte den wilden Kerl bis zum Keller des Schlosses, wo dieser eine schwere Tür öffnete. Auf einmal war der Graf von sechs Männern umringt, die ihn töten wollten.
Doch Graf Anton Günther sagte: „Fort mit Euren Waffen! Bedenkt, was Ihr tun wollt. Ich bin der Graf von Oldenburg. Mein Volk weiß, wo ich bin. Wenn ich nicht zurückkomme und Ihr mir etwas antun solltet, dann werden meine Leute das ganze Schloss abbrennen und Euch töten!“
Während sich die Männer berieten, guckte sich der Graf im Raum um und sah, dass er in einer Falschmünzerwerkstatt gelandet war.
Schließlich sagte einer der Männer: „Wenn Ihr nichts von dem verratet, was Euch geschehen ist und was Ihr hier im Keller gesehen habt, dann seid Ihr frei.“ Graf Anton Günther versprach es und durfte tatsächlich gehen.
Einige Jahre später saß der Graf in Oldenburg an seinem Schreibtisch und arbeitete. Da klopfte es an der Tür: „Herein, wer einen Kopf hat!“, rief Anton Günther, so wie er es immer tat.
Leise öffnete sich die Tür und ein gut gekleideter Mann trat ins Zimmer.
„An diesen Worten erkenne ich Euch, Graf. Ihr habt damals im Schloss in Holstein versprochen, kein Wort von dem zu verraten, was Ihr gesehen habt. Ihr habt Euer Wort gehalten und deshalb sollt Ihr dafür entlohnt werden. Jeder im Deutschen Reich kennt Eure Vorlieben für schöne Pferde. Am Blauen Haus am Damm steht für Euch ein edles Pferd bereit, das Ihr von uns geschenkt bekommt. Es ist Eurer würdig.“
Mit diesen Worten verbeugte sich der Fremde und verschwand so leise, wie er gekommen war. Der Graf traute dem Mann zwar nicht, aber er schickte einen Diener zum Blauen Haus. Tatsächlich fand er das Pferd dort vor und brachte es zu seinem Grafen. Es war das schönste Pferd, das der Graf je in seinem Leben gesehen hatte. Er nannte es „Kranich“. Wenig später benutzte er dieses Pferd, um einen seiner schönsten Ritte durchzuführen: Als er nämlich Sophie von Schleswig-Holstein, sein Patenkind, als Braut heimführte.
Graf Anton Günther auf „Kranich“ ist in der Oldenburger Öffentlichkeit wohlbekannt. Ein großformatiges Gemälde prangt an dem ehemaligen Hotel „Anton Günther“ in der Kurwickstraße, und in Mosaikform kann man ihn an der Fassade der Graf Anton-Günther-Schule, dem Gymnasium des Landkreises Oldenburg, bewundern.
Eine Skulptur von ihm auf seinem Pferd „Kranich“ steht auf dem Gelände einer Waschanlage in Oldenburg-Kreyenbrück. Die Replika dieser Skulptur steht auf einer Wiese zwischen dem Dorf Munderloh und Kirchhatten. […]
Munderloh, Bernd H.: Sagen und Geschichten aus Oldenburg und dem Oldenburger Land, 1. Auflage, Bremen 2023, S.29-32.

