Knochenflöte aus dem Watt bei Wilhelmshaven
Einfache Knochenflöten aus Tierknochen gibt es bereits seit der Steinzeit. Die ältesten Exemplare stammen aus den Höhlen der Schwäbischen Alb und sind fast 40.000 Jahre alt. Diese Flöten wurden aus Vogelknochen gefertigt und sind sehr filigran. Zumeist wurden Flöten jedoch aus Säugetierknochen hergestellt; bestimmte Beinknochen der Schafe und Ziegen eigneten sich besonders gut dafür.
Diese knapp 15 cm lange Knochenflöte wurde bereits 1886 durch den Lehrer Folkens im Watt vor dem Banter Deich in Wilhelmshaven aufgefunden und gelangte dann ins Museum. In diesem Bereich des Watts liegen mehrere ehemalige Dörfer und Hofstellen, die beim Einbruch des Jadebusens im Mittelalter zerstört wurden, so dass hier immer wieder Objekte aus der Zeit des ersten nachchristlichen Jahrtausends gefunden werden. Solche Knochenflöten sind in Europa keine besonders seltenen Funde. Aus Nordeuropa sind wohl mehrere hundert Objekte bekannt, die aus verschiedensten Epochen stammen. Dennoch zeigt jedes einzelne Objekt bestimmte Besonderheiten sowie die Fertigkeiten und Bedürfnisse desjenigen, der es hergestellt hat. Dieses Exemplar ist besonders gut erhalten und trotz der Schlichtheit ungewöhnlich sorgfältig produziert. Als Rohmaterial diente der Beinknochen eines Säugetiers, von dem die Gelenkenden abgetrennt wurden. Anschließend konnte das Objekt ausgehöhlt werden. Das breitere Ende des Knochens diente als Mundstück. Durch die natürliche Form des Knochens ist diese Öffnung abgerundet dreieckig geformt. Um den Luftstrom zu bündeln, musste noch ein Block eingesetzt werden, wie wir es auch von den heutigen Blockflöten gut kennen. Von diesem Block hat sich nichts erhalten. An der Kante des Mundstücks sind jedoch zwei sorgfältig gearbeitete, gegenständige Kerben. Sie dienten sicherlich dazu den Block zu fixieren und zu verhindern, dass er beim Spielen der Flöte weiter hineingedrückt wurde. Solche sorgfältig gearbeiteten Kerben sind einzigartig bei Flöten aus dieser Zeit und belegen, dass hier äußerst genau und mit großer Sachkenntnis gearbeitet wurde. Diese Vorrichtung lässt auch vermuten, dass es muss sich bei dem Block um ein festes, starres Material gehandelt haben muss. Holz, das mit Wachs fixiert wurde, wäre beispielsweise gut denkbar. Bei einer mittelalterlichen Flöte aus Schweden, die aus dem gleichen Knochenstück gefertigt wurde, ist ein solcher Holzblock noch vorhanden. Er war perfekt an den dreieckigen Querschnitt des Knochens angepasst und erzeugte ein angenehmes Mundstück.
Die Flöte in der Vitrine verfügt über drei Löcher, die sehr sorgfältig in den Knochen gearbeitet wurden. Das einzelnstehende Loch nahe dem Mundstück ist der sogenannte Labium. Eine Kante, an der sich die hineingeblasene Luft bricht, so dass ein Ton entsteht. Weitere Töne konnten durch eine Veränderung der Intensität beim Hineinblasen erzielt werden. Die anderen beiden Löcher dienten dazu die Tonhöhe zu verändern, indem man sie mit den Fingern öffnet oder schließt. Dazu reichte zwei Finger, ein Daumenloch gibt es nicht. So konnte die Flöte mit einer Hand gespielt werden. Auf der Rückseite stabilisierte der Daumen. Eine blanke, polierte Stelle markiert bis heute den Bereich, in dem der Daumen zu liegen kam. Auch die Lochränder sind abgerundet und glattgeschliffen durch die lange und intensive Nutzung des Instruments. Am Mundstück zeigen sich ebenfalls Spuren des langen Gebrauchs. Kerben zeugen davon, dass auch die Zähne gelegentlich in Kontakt mit dem Instrument kamen. Schließlich ist am Mundstück ein keilförmiges Stück herausgebrochen. Es ist der einzig erkennbare Defekt an dem Instrument, der vermutlich dazu geführt hat, dass dieses lange gebrauchte Objekt schließlich entsorgt wurde.



